TREND: Trends: Was Kunden von ihrem Bäcker erwarten ...
Bei der belgischen ‚Foodservice’-Messe in Gent waren alle Augen auf Hans Steenbergen gerichtet, Food Trendwatcher of the Year 2010‘. Steenbergen ist immer auf dem Laufenden, was bei Bäckern und Patissiers gerade aktuell ist. Hier eine Zusammenstellung sieben seiner Befunde vereint mit den Beobachtungen des großen Marketingexperten Guillaume Van der Stighelen.
Kollektiv: Eine neue Intimität auf dem
Vormarsch
Menschen suchen echte Kontakte: Sie möchten gemeinsam genießen,
gemeinsam fühlen, gemeinsam erleben. Soziale Bedürfnisse werden
immer häufiger an Orten Wirklichkeit, wo man zusammen isst. Deshalb
sprießen Gemeinschaftstische aus dem Caféboden und es wird alles
darangesetzt, um ein Gefühl familiärer Intimität zu kreieren, sogar
in den Verzehrbereichen von Bäckereien und Patisserien. Denken wir
nur an den Erfolg von Ketten wie ‚Le Pain Quotidien’, die ihren
Community Tables einen zentralen Platz reservieren. Die Kunden
können dort andere Menschen kennenlernen und kommen ins Gespräch.
„Erinnern Sie sich daran, dass wir auch wenn wir in einer großen
Stadt leben doch Teil einer Gemeinschaft sind”, so der Slogan des
Unternehmens. Ein perfektes Beispiel für die ‚neue familiäre
Intimität‘ ist auch die Herangehensweise des niederländischen
Betriebs ‚De Bakkerswinkel’. Der Kunde hat das Gefühl, dass er mit
den in diesen Geschäften servierten Törtchen und Konfitüren in die
Zeit des haus- und handgemachten Brots zurückversetzt wird.
Individuell: Geltung wird ganz groß geschrieben
Jeder Mensch möchte als einzigartig angesehen werden. Deshalb gibt
es z. B. Eissalons, in denen Kunden ihre eigene Eiskomposition
kreieren können, indem sie aus vielen verschiedenen Sorten,
Toppings und Saucen wählen. (...)
Ausdruckskraft: Minimalismus war einmal …
Der Kunde kann in eine Welt voller Geschmacksrichtungen, Farben und
Düfte eintauchen: „Je extravaganter, desto besser”, scheint die
Devise zu lauten. In der Patisserie ‚De taart van mijn tante‘ in
Amsterdam wird das perfekt in Szene gesetzt: In diesem Geschäft
werden die Kunden von einer absoluten Farbenvielfalt überwältigt.
Die kitschige Einrichtung harmonisiert perfekt mit den poppigen
‚Over-the-Top‘-Kuchen und -Cakes. Wenn die Kunden rauskommen, haben
sie erst einmal das Bedürfnis, ein paar Minuten über das Erlebte zu
sprechen. Und das ist gut so, denn Menschen sind immer auf der
Suche nach Geschichten.
Ausgedehnt: Mehr Erlebnis für weniger Geld
Es gibt zu wenig Fachpersonal. Deshalb müssen die neuen Konzepte
mehr Erlebnis für weniger Geld bieten. Ein gutes Beispiel hierfür
ist die zunehmende Anzahl Brotautomaten, die Kunden Tag und Nacht
mit frischem Brot beliefern.
Energiegeladen: Der Alltag wird besonders
Immer mehr Menschen achten auf eine gesunde Ernährung. Die logische
Folge: Lebensmittel und Getränke, die Energie liefern. Ein Stück
gesundes Brot entspricht nicht der idealen Form eines schnellen
Energielieferanten? . Wir haben es besser gemacht. Denken wir nur
an den ‚Brolly‘: Brot in Lutscherform. Der stößt in der
Gastronomie- und Cateringwelt auf ganz besonders großes Interesse.
Brot als Snack: So sieht die Zukunft aus.
Elegant: Es wird wieder heiß …
Laut Hans Steenbergen vollzieht sich eine rasante Feminisierung der
Gesellschaft. Frauen lassen sich von Bäckern gerne mit z. B.
lecker-leichten Produkten verführen. Die Schlagwörter lauten:
light, natürlich, biologisch und frisch. Gleichzeitig möchten
Kunden auch, dass das Auge mitisst: eine Kombination aus Food und
Fashion, bzw. Kreationen, die einer Modekollektion in nichts
nachstehen.
Wahrhaftig & ehrlich: Gemeinnützigkeit ist Trend
Pur, ehrlich, authentisch. Kunden möchten wissen, was
sie verspeisen und sich dabei auch noch gut fühlen. Der Schwerpunkt
liegt auf Authentizität und Ehrlichkeit von Produzent und Produkt.
Aus diesem Grund hat sich der Bäcker Dimitri Roels vom ‚Vlaamsch
Broodhuys‘ für handwerklich hergestelltes Brot entschieden, das aus
ehrlichen Grundstoffen hergestellt wird: Mehl aus authentischen
Weizensorten, Meersalz aus der Bretagne, revitalisiertes
Quellwasser und gebacken wird nach althergebrachter Tradition. Bio,
Fairtrade und saisonale Produkte sind weitere Beispiele für diesen
Trend. Oder auch: Kunden möchten immer mehr Lebensmittel aus der
eigenen Umgebung kaufen. Warum Brot in einem Supermarkt erstehen,
wenn der Bäcker um die Ecke die köstlichsten Brotsorten anbietet?
In dieser Hinsicht haben auch einheimische Erzeugnisse noch eine
große Zukunft vor sich.
Immer größere Marktanteile
Der Marketingexperte Guillaume Van der Stighelen vervollständigt
die Trends von Hans Steenbergen mit erfolgversprechenden Tipps.
Machen Sie das, was der Verbraucher nicht machen kann, will oder
wozu er nicht in der Lage ist. Sie werden einen bleibenden Eindruck
hinterlassen, indem Sie diese vier Komponenten miteinander
verbinden: ‚Game‘, ‚Name’, ‚Fame’ und ‚Claim’. ‚Game’ besteht in
der Aufgabe, die Sie sich selbst auferlegen: z. B. ein
Verzehrbereich mit einem Gemeinschaftstisch. Wählen Sie den Namen
Ihres Geschäfts sorgfältig aus (‚Name’). Das dritte Element ist
‚Fame’: die (hauptsächlich) visuelle Wiedererkennung dank eines
speziellen Logos, kleiner Teller oder ausgefallenem Besteck usw.
Und dann ist da noch der ‚Claim’, um die Geschichte
weiterzuspinnen. In New York hat Van der Stighelen auf einem Tisch
eine kleines Schild mit dem folgenden Hinweis entdeckt:
‚conversation with other human beings is not prohibited in this
area‘ (Gespräche mit anderen Menschen sind in diesem Bereich nicht
verboten). Wenn Sie auf den Gebieten ‚Game‘, ‚Name’, ‚Fame’ und
‚Claim’ alles getan haben, müssen Sie dafür sorgen, dass Sie in
aller Munde bleiben. Dafür eignet sich das Internet – Facebook! –
hervorragend.
| Hans Steenbergen, Trendwatcher: „Der Verbraucher
sucht eine gewisse Intimität,
auch im Verzehrbereich einer Bäckerei oder Patisserie.” |
Guillaume Van der Stighelen, Marketingexperte: „Erfolg beginnt mit einer guten Idee, einem guten Namen und einem guten Wiedererkennungswert.“ |
Quelle: Zeitschrift Brood & Banket, nr. 1 / 2011